von Julia Denzel
Nach Rom fahren – das tu ich immer gerne! Warum es im Heiligen Jahr schon fast ein Muss ist, das musste ich erst selbst noch herausfinden.
Als Referentin der JUGEND 2000 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart darf ich einmal im Jahr ein Special für unsere Mitarbeiter anbieten – eine Fahrt in die Stadt meines Herzens: „Rom“.
Damit meine jeweilige Crew immer bestens vorreitet ist, kommt sie nicht drum herum, vorab eine gut 1,5-stündige Online-Einführung über die Entstehung & Geschichte des römischen Reiches, der frühen Kirche und des Vatikans zu genießen.
In diesem Jahr war klar, dass wir alle wissen mussten, was es mit dem Heiligen Jahr auf sich hat – denn schließlich würden wir durch die „Heiligen Pforten“ gehen und „Ablässe“ gewinnen – zur Tilgung unserer „zeitlichen Sündenstrafen“. Klingt ganz schön abstrakt.
Was aber verbirgt sich hinter diesen Praktiken? – Woher kommt das Heilige Jahr?
Der Begriff des „Heiligen Jahres“ fällt zum ersten Mal im Buch Levitikus in der Bibel. Es wird als „Jubeljahr“ bezeichnet. Im Englischen kann dieser Begriff im sogenannten „Jubilee“ wiedererkannt werden. Gott hatte sein Volk bereits aus Ägypten herausgeführt – aus der Sklaverei befreit. Über 400 Jahre war das Volk Israel dort ansässig gewesen. Es war mit Kultur und Praktiken vertraut – bestens sogar, denn auch nach dem sogenannten „Exodus“ goss es sich ein Goldenes Kalb, das es anbetete und vor dem Orgien stattfanden.
Der äußeren Befreiung musste eine innere folgen. Die äußerlich errungene Freiheit musst nicht nur innerlich sichergestellt, sondern zudem weiter entfaltet werden. Gott spricht zu Mose auf dem Sinai und trägt ihm auf, seinem auserwählten Volk eine göttliche Ordnung zu verkünden, die es einhalten soll, wenn es im verheißenen Land angekommen ist:
Was zunächst wie ein Gesetz anmutet, klingt zu schön, um wahr zu sein: Das Volk darf 6 Jahre arbeiten – im 7. muss es ruhen. Sind 7 dieser Perioden vorbei (also 7x 7 Jahre) dann sind 49 Jahre vergangen. Im 50. Jahr wird dann das Jubeljahr sein, das mit dem Blasen des Horns im ganzen Land ausgerufen wird. Das Jubeljahr soll als heilig gelten. Jeder Sklave darf wieder nach Hause zu seiner Familie. Verpachtete Besitztümer gehen an ihren eigentlichen Besitzer zurück und auch in diesem Jahr wird nicht gearbeitet – wohl gemerkt, schon im 49. Jahr wurde nicht für Ertrag gesorgt (vgl. Levitikus 25,1-22).
Was bezweckt Gott damit?
- Der Mensch, der sich selbst als Sklave in den Dienst anderer stellt – kann nie dauerhaft versklavt werden.
- Die Eigentümer von Ländereien können nie dauerhaft enteignet werden.
- Gott wird sich als Der zeigen, der er ist: Der Herr, der seine Geschöpfe übernatürlich versorgt und zwar so, dass der Ertrag vom 48. Jahr sogar bis ins 51. Jahr reichen wird.
Was soll damit sichergestellt werden?
Freiheit – Eigentum – Fülle durch den Bund mit Gott.
Warum ist das Eigentum dabei so wichtig? Eigentum bedeutet Sicherheit und ist zudem ein Garant für Stabilität und Kontinuität der Familie. Doch zudem noch Weiteres: Wenn ich zurückkehre, zu dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, wo meine Prägung stattfand, wo evtl. sogar meine Großeltern begraben sind, dann weiß ich wer ich bin. Eigentum enthält Erinnerung und prägt Identität. Ein Mensch, der sich an nichts mehr erinnern kann, vergisst auch wer er selbst ist. Gott möchte, dass sein Volk weiß, wer es in seinen Augen ist. Er möchte, dass sein Volk Ihn neu kennenlernt und erkennt, wer Er ist: Der Allmächtige Herr, der seine Macht walten lässt, um seinem Volk Wohlergehen zu erweisen – damit sich sein Herz Ihm frei zuwenden kann.
“Ihr sollt meine Satzungen befolgen und meine Rechtsentscheide bewahren und sie ausführen; dann werdet ihr im Land in Sicherheit wohnen. Das Land wird seine Frucht geben, ihr werdet euch satt essen und in Sicherheit darin wohnen.” (Levitikus 25,18f)
Gott wiederholt sich – er meint es ernst. Diese Ordnung wird das „Sattessen“ und die Sicherheit garantieren.
Der Exodus aus Ägypten, soll also dauerhaft sichergestellt werden. Und Gott verspricht etwas, was eigentlich unserer tiefsten Sehnsucht entspricht: Jemand ist für uns da und wir können darin ruhen, wir sind sicher, versorgt, frei und gehören zu einer Familie. Diese Dinge galten schon Adam und Eva.
Zu schön, um wahr zu sein
Im Nichtstun und Empfangen satt werden und sicher sein – das klingt nicht menschlich. Das Volk kümmerte sich nicht um Gottes Ordnung – wie seine Stammeseltern. Es nahm sein Geschick in die eigene Hand und wandte sich von Gott ab. Namhafte Propheten wie Jesaja und Jeremia schauten zu und erahnten, dass diese Ordnung nur noch von einem Gesalbten wieder aufgerichtet werden könnte – einem Messias. Und so erhält Jesaja die Vision schlechthin, die zum Inbegriff des Heiligen Jahres wird. Er sieht in der Zukunft eine Person, die das Jubeljahr bringen wird und gibt dieser seine Stimme:
„Der Geist GOTTES, des Herrn, ruht auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung auszurufen und den Gefesselten Befreiung, um ein Gnadenjahr des HERRN auszurufen, einen Tag der Vergeltung für unseren Gott, um alle Trauernden zu trösten, den Trauernden Zions Schmuck zu geben anstelle von Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Gewand des Ruhms statt eines verzagten Geistes.“ (Jesaja 61,1-3).
Die Geschichte nimmt seinen Lauf
Trotz Jahrhunderterlanger Umkehrrufe der Propheten kommt das Volk Gottes nicht zur Besinnung. Gottes Platz in seinen Herzen wurde längst von „anderen“ eingenommen. Der Platz des Herzens will gefüllt sein – besetzt die eigentliche Stelle Gottes aber jemand oder etwas anderes – führt es mit der Zeit unweigerlich zum Verlust der Herzensfreiheit. Erkennen tut dies jeder, der sie schon einmal erleben durfte. Das Herz ist erst satt, sicher und ruhig, wenn es in Gott ruht – der Hl. Augustinus gab hierzu sein berühmtestes Zitat.
So verliert das Volk nach seiner inneren Freiheit nun auch seine äußere. Die Assyrer und Babylonier fallen ein und verschleppen es ins Exil – wie es von den Propheten vorausgesagt wurde, wenn das Volk sich nicht besinnen würde. Unter den Verschleppten ist auch Daniel. Nach fast 70 Jahren ruft er zu Gott und fragt, wie lange diese Verbannung noch gehen würde. Der Erzengel Gabriel erscheint ihm und gibt ihm merkwürdige Zeitangaben für zunächst unerklärliche Ereignisse und mächtige Verheißungen. Er spricht von „Versiegelung der Sünde“, „Versöhnung für die Schuld“, „ewiger Gerechtigkeit“, „Besiegelung von Visionen und Weissagungen und die Salbung des Allerheiligsten“ – all dies würde eintreten nach „70 Jahrwochen“ (vgl. Dan 9,24-27).
Wir befinden uns dabei im Jahr zwischen 539-537 v. Chr.
Jahre ziehen ins Land, das Volk kehrt wieder zurück und die fromme und streng asketische lebende Gruppe der Essener fasst die Prophetien von Jesaja, Jeremia, Daniel und noch weiteren zusammen und deutet sie auf einen kommenden Messias, der nicht nur von monetären Lasten und irdischer Sklaverei befreien wird, sondern von der Macht des Teufels und zwar gemäß der Zeitangabe des Erzengels Gabriel. Der kommende Messias – den sie mit Gott gleichsetzen – wird das Jubeljahr ausrufen, das, gemäß Jesaja, zeitlich nicht begrenzt ist. Diese Schriften wurden 1947 in den Qumramhöhlen gefunden und stammen aus der Zeit 100-50 v. Chr.
Gesagt – Getan!
In Nazareth lässt sich um das Jahr 26 n. Chr. ein dort ansässiger erwachsener Mann in der Synagoge eine bestimmte Schriftrolle reichen und liest daraus vor.
„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“
Es herrscht wohl eine angespannte Stimmung, lesen hier doch sonst nur Schriftgelehrte vor. Zudem ist davon auszugehen, dass die Nazarener mit den Auslegungen dieser Prophetie durch die Essener sehr vertraut waren. Der Mann – Jesus – gibt die Rolle dem Synagogendiener und setzt sich hin.
Setzt sich bei uns der Priester nach dem Evangelium, ist klar – die Predigt entfällt. Bei den Juden war es genau anders: „Jetzt nimmt dieser Jesus sich ausgerechnet diese Erwartungsgeladene Stelle aus Jesaja und jetzt will er auch noch darüber sprechen!“ „Was will er dazu sagen?!“
„Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.“ Und seine Predigt lautete:
„Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Lk 4,18).
Lesen wir in Lukas weiter, so folgen seinen Worten Taten: Er heilt die Kranken, treibt Dämonen aus und: Er stellt sicher, dass sein Dienst durch seine Apostel und alle, die zum Glauben kommen, weitergeht (vgl. Markus 3,13-15, Matthäus 18.18, Jakobus 5,14-16, Markus 16,17-18). Er erfüllt alle Weissagungen über seine Person und wird am Ende ohne gerechten Richterspruch gekreuzigt – alles exakt datiert gemäß den Äußerungen des Erzengels Gabriel, wie wir heute durch die Bibelwissenschaft nachweisen können.
Jubeljahrpower
Aus seinem durchbohrten Herzen fließen am Kreuz die Quellen des Heils und „er [der Verderber] findet sein Ende in der Flut“ (Gabriel in Daniel 9,26): im vergossenen Blut des Erlösers.
Hier wird Satan besiegt.
Hier entströmt die Jubeljahrpower, die Jesus uns vermacht, um auch uns in Freiheit, Sicherheit und Fülle zu setzen. Den Aposteln gab er dabei die sogenannte Binde- und Lösegewalt. Durch sie hat einzig der Papst die Möglichkeit, Heilige Zeiten auszurufen, um das zu tun, was der Kirche aufgetragen ist: Die Menschen zum Heil zu führen. Papst Franziskus rief zu Weihnachten des vergangenen Jahres nun dieses Heilige Jahr aus.
Freiheit und Befreiung ist darin ganz zentral. Die drei Säulen des Heiligen Jahres sind daher Beichte, Pilgern und Ablässe:
- In der Beichte entsagen wir dem, was uns in Sklaverei hält. Wir werden befreit, um neu mit der Gnade Gottes gefüllt zu werden.
- Das Pilgern, besonders nach Rom (Hauptstadt der Kirche) oder Israel (Land Jesu) kommt einem geistlichen Nachhausegehen gleich. Eine Pilgerreise symbolisiert einen inneren Weg der Reinigung und das Streben nach geistiger Nähe zu Gott. Ich gehe dorthin wo meine geistige Familie ist, mein „spirituelles Zuhause“. Dieses Heimgehen zum spirituellen Zuhause ist so ähnlich wie beim früheren israelischen Diener /Sklaven, der, als er das Blasen des Hornes am 50 Jahr hörte, wusste, dass er nun heimgehen konnte. Er verließ seinen Dienstort, machte sich auch den Weg und trat die Reise an zum Eigentum seiner Generation. Und wir replizieren dies in einem geistigen Sinn, wenn wir zu Pilgerorten gehen, die wie ein geistliches Zuhause sind. Sie sind ein Ort, wo Gott sich spürbar und fühlbar gemacht hat und die Menschen willkommen geheißen hat, ihn als Vater zu erleben.
- Der Ablass ist ein Gnadengeschenk Gottes. Er richtet sich auf das, was ich zerbrochen habe und nicht mehr gut machen kann – auf die Folgen meiner Fehltaten, die ich in der Beichte schon vergeben bekommen habe. Geschehnisse können nicht rückgängig gemacht werden (bspw. zerbrochenes Vertrauen, Mord etc.), doch Gott wirkt durch den Ablass mit seiner Gnade in die Bereiche hinein, die ich selbst tilgen müsste, aber nicht kann. So tilgt der Ablass die „zeitlichen Sündenstrafen“ – die Folgen meiner Sünde für mich. Die „Sündenstrafe“ ist dabei der Verlust eines Zustandes, der mir ursprünglich zugedacht war. Gott möchte in mir durch den Ablass diesen heilen Zustand, der mir zugedacht ist, wieder herstellen und mit seiner Gnade in alle Bereiche wirken, damit sie durch ihn erlöst werden.
Deswegen ist Voraussetzung für den Ablass auch immer die entschiedene Abkehr von jeglicher Sünde, die Beichte, das Einssein mit Gott im Empfang der Hl. Eucharistie und die Einheit mit der Kirche, durch die uns Gott seine Gnade schenkt. Letzteres wird ausgedrückt im Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters.
Aufbruch in die Gegenwart Gottes
Frisch gebeichtet also traten wir Anfang Mai unsere Reise nach Rom an. Die Erwartung aber, war eine ganz andere als sonst: Eine neue Befreiung, ein neues Eintreten in die Gegenwart Gottes wartete auf uns. Eine Verheißung des Heilwerdens und Neuwerdens. Was wir dazu beitragen ist klein und noch viel weniger mühsam, als das, was die Pilger an beschwerlichen Reisen in den letzten Jahrhunderten auf sich genommen haben, als sie zum Heiligen Jahr nach Rom reisten. Doch sie wussten, wofür sie es taten. Wir selbst fanden uns in der Rolle des Volkes Israel wieder, dass (fast) „Nichts“ dazu beitragen musste, um von Gott versorgt, beschenkt, befreit und erfüllt zu werden.
Wir waren täglich beschenkt mit besonderen Begegnungen, wunderschönen Hl. Messen an bedeutsamen Orten und durften jede Heilige Pforte der Hauptkirchen passieren. Großartige Gefühle kommen bei den strömenden Menschenmassen nicht so recht auf, doch diese Pforten spiegeln Jesus wider, der sagt: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,9)
Jesus ist unser Person-gewordenes Jubeljahr. In Ihm ist alles zu finden, was wir suchen und noch mehr. Im Heiligen Geist lebt er in uns und es ist unsere Aufgabe, Ihn in uns leben zu lassen. Durch ihn dürfen wir zu „Jubeljahr-Menschen“ werden, die in und aus seiner Gnade leben, weit über das Heilige Jahr 2025 hinaus. Er lässt uns die Freiheit Ein- und Auszugehen, er führt uns zur sattmachenden Weide, nicht nur für den Leib, sondern für Seele und Herz. Durch Ihn werden wir befreit und geheilt und ich selbst darf das in diesem Jahr an vielen Menschen und auch an mir selbst in besonderer Weise erleben. Das schenkt Hoffnung, Glaube und vor allem Freude!! Gott ist einfach gut und das „Jubilee“ – die nie endende göttliche Freude, wie es übersetzt wird – ist sein Programm – auch für Dich!
